{"id":1217,"date":"2018-01-26T15:58:32","date_gmt":"2018-01-26T15:58:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stephanrath.com\/?p=1217"},"modified":"2018-02-04T16:13:23","modified_gmt":"2018-02-04T16:13:23","slug":"tocotronic-die-unendlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stephanrath.com\/?p=1217","title":{"rendered":"Tocotronic &#8211; Die Unendlichkeit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.stephanrath.com\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/toco_unendlichkeit_72.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1218 size-medium\" src=\"http:\/\/www.stephanrath.com\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/toco_unendlichkeit_72-300x300.jpg\" alt=\"toco_unendlichkeit_72\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.stephanrath.com\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/toco_unendlichkeit_72-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.stephanrath.com\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/toco_unendlichkeit_72-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.stephanrath.com\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/toco_unendlichkeit_72-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.stephanrath.com\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/toco_unendlichkeit_72.jpg 864w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><em><strong>\u201cIch erz\u00e4hle dir alles \/ Und alles ist wahr\u201d \u2013 Electric Guitar<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wollte man dem zw\u00f6lften Album von Tocotronic ein Motto geben, k\u00f6nnte das \u201c\u00d6ffnung und R\u00fcckblick\u201d sein oder \u201cVerletzlich und frei\u201d. Es handelt von dem, was war; dem, was ist und dem, was sein wird. Es hei\u00dft DIE UNENDLICHKEIT und ist DEEP!<\/p>\n<p>Es ist ein doppeltes Konzeptalbum. Jedes St\u00fcck weist spezifische, zeitgebundene musikalische Referenzen auf und hat seinen Ausgang im Werden und Sein.<\/p>\n<p>Es ist eine Biografie. Ein Ansatz, den Tocotronic 15 Jahre lang abgelehnt haben. Aber einmal gefunden, erwies sich die Vorgabe, \u00fcber das eigene Leben zu schreiben, als \u00e4u\u00dfert produktiv. Wobei das Album keinesfalls eine individualistische Nabelschau geworden ist. Denn es erz\u00e4hlt von allgemein g\u00fcltigen, wenn nicht existenziellen Erfahrungen: von Angst, Verliebtsein, Einsamkeit und Tod. Mit dieser neuen Art von Songwriting geht eine andere Sprache einher. Eine, die keine Verklausulierungen duldet. \u201eEin bisschen haben wir uns zuletzt sicherlich hinter Manifesten, Theorie-Referenzen und dem Formalismus versteckt\u201c, sagt Dirk von Lowtzow.<\/p>\n<p><strong>DIE UNENDLICHKEIT<\/strong> aber ist auch ein Neubeginn.<\/p>\n<p>Das Biografische also, das auf dem letzten, dem roten Album, mit St\u00fccken wie \u201eIch \u00f6ffne mich\u201c oder \u201eJungfernfahrt\u201c schon angelegt war, wird hier zum konzeptuellen Ansatz: Von der Kindheit \u00fcber die Adoleszenz und fr\u00fche Erwachsenenzeit bis in die Gegenwart. Nach 25 Jahren Bandgeschichte hei\u00dft das auch: Die H\u00e4lfte dieser Zeit hat mit Tocotronic selbst zu tun. Mehr als das halbe Leben.<\/p>\n<p>Das Er\u00f6ffnungs- und Titelst\u00fcck sowie das orchestrale \u201eMein Morgen\u201c bilden das Vor- und Nachwort, eine Klammer f\u00fcr das aufwendig produzierte, bislang musikalisch differenzierteste und abwechslungsreichste Album der Band.<br \/>\n<iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/HEV8A0fszHE\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>\u201eTapfer und Grausam\u201c handelt von der fr\u00fchen Kindheit, dem Gef\u00fchl des Ausgeschlossenseins und der Herzlosigkeit anderer Kinder. \u201eHey Du\u201c erz\u00e4hlt vom Anderssein in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone der Provinz, vom Beschimpft- und Verm\u00f6beltwerden, aber auch vom unverhohlenen Stolz, modisch aufzufallen. \u201e1993\u201c f\u00fchrt zur\u00fcck ins Gr\u00fcndungsjahr der Band, dem Auszug aus der H\u00f6lle Heimat in Richtung Hamburg.<br \/>\n<iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/icqwoRucir8\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Form und Inhalt kommen zur Deckung: Dirks Stimme klingt hier viel heller und j\u00fcnger als auf den St\u00fccken, die von sp\u00e4teren Ereignissen und Lebensphasen erz\u00e4hlen. Jan M\u00fcllers Bass und Arne Zanks Schlagzeug bollern wie in den Anfangstagen der Band, Rick McPhails Gitarre jault.<\/p>\n<p>Auf die Saufexzesse in den dunklen Hamburger Kaschemmen und eine beginnende Sucht folgt ein Umzug nach Berlin. \u201eAusgerechnet du hast mich gerettet\u201c erz\u00e4hlt von dieser Errettung, wobei mit dem \u201cDu\u201d statt der Stadt \u2013 \u201cnicht sch\u00f6n, doch auch kein Biest\u201d \u2013 auch eine geliebte Person gemeint sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Weil jede Lebensphase ihre spezifische Musik hat, verbeugt sich auch jedes der St\u00fccke in Richtung einer Band oder eines Stils, die oder der in dieser Phase wichtig und einflussreich war. Die musikalische Zeitreise beginnt bei den Beatles-Songs der Kindheit, gleitet \u00fcber das Orff&#8217;sche Schulwerk bis hin zu 80&#8217;s Gitarrenpop, Dub und Progrock.<\/p>\n<p>Auch hier erwies sich das vermeintlich enge Korsett eines Konzepts als befreiend. Es ist eine Hintert\u00fcr, durch die der stilpr\u00e4gende Tocotronic-Sound pl\u00f6tzlich an H\u00fcsker D\u00fc oder Roxy Music erinnern kann. Ersteres in \u201eIch lebe in einem wilden Wirbel\u201c, einem Lied \u00fcber die erste gro\u00dfe Liebe und das Gef\u00fchl, \u201edurch sie \u00fcber die D\u00f6rfer fliegen zu k\u00f6nnen\u201c. Letzteres in \u201eBis uns das Licht vertreibt\u201c, das um das Gef\u00fchl hysterischer Einsamkeit kreist und um viele gerauchte Zigaretten.<\/p>\n<p><strong>DIE UNENDLICHKEIT<\/strong> ist auch ein historisches Deutschland-Portr\u00e4t. Da sind die Koordinaten einer Provinz-Pubert\u00e4t, das von Apfelkorn befeuerte Rumlungern an der Bushaltestelle und die RAF-Fahndungsplakate, in der Coming-of-Age-Hymne \u201eElectric Guitar\u201c, die gleichzeitig auch ein Geburtstagslied zum Hundertj\u00e4hrigen des Instruments ist. \u201eF\u00fcr mich war die Gitarre das erste Mittel der Subjektivierung und Inszenierung\u201d, so Dirk von Lowtzow. \u201eVieles von dem, was f\u00fcr Tocotronic sp\u00e4ter wichtig werden sollte, wurde da schon angelegt.\u201c Das Bordtelefon im ICE, das in \u201eUnwiederbringlich\u201c auftaucht, einem St\u00fcck \u00fcber das Sterben eines engen Freundes, erinnert an eine Zeit, von der aus gesehen die Technik, mit der wir kommunizieren, als Science Fiction erscheint.<br \/>\n<iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/54H0HAJexVI\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>\u201eMein Morgen\u201c wiederum hat diese Endzeit-Grundierung der 80er-Jahre, die unter dem Eindruck des Kaltem Kriegs, Tschernobyls und des Waldsterbens herrschte und die derzeit wieder so gegenw\u00e4rtig wirkt. N\u00e4chste Ausfahrt Apokalypse. \u201eIch w\u00fcrd\u2019s dir sagen\u201c schlie\u00dflich ist eine Art dunkles Kinderlied \u00fcber Begehren, erotische Phantasmen und Todessehnsucht.<\/p>\n<p>Zu Ende geht das Album mit einem St\u00fcck, das wie zum Trotz noch einmal einen klassischen Tocotronic- Slogan liefert: \u201eAlles, was ich immer wollte, war alles\u201c. Und darum geht es in DIE UNENDLICHKEIT: um nicht weniger als alles.<\/p>\n<p>Anne Waak<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cIch erz\u00e4hle dir alles \/ Und alles ist wahr\u201d \u2013 Electric Guitar Wollte man dem zw\u00f6lften Album von Tocotronic ein Motto geben, k\u00f6nnte das \u201c\u00d6ffnung und R\u00fcckblick\u201d sein oder \u201cVerletzlich und frei\u201d. Es handelt von dem, was war; dem, was&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[12],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1217"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1217"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1217\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1222,"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1217\/revisions\/1222"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1217"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1217"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stephanrath.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1217"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}